ARNE KOPFERMANN

Keynote Speaker, Musikproduzent, Komponist und Texter. Autor der Bücher „Mitten aus dem Leben“ und „Auf zu neuen Ufern“ (Gerth Medien).

Worüber hast Du einmal getrauert? 

Trauer hat sehr viele Gesichter und betrifft wahrscheinlich mehr Bereiche im Leben, als den meisten im ersten Moment bewusst ist. Der Verlust eines Lebenstraumes, meiner Arbeit, einer Freundschaft, einer großen Liebe, der Abstieg Deines Lieblingsvereins und ultimativ auch traumatische Erlebnisse, vielfältige Ausgrenzungserfahrungen im sozialen Kontext oder der Tod eines geliebten Menschen können solche Bereiche sein, die ich betrauern muss. Der größte Verlust, den ich persönlich erlebt habe, war der Tod meiner Tochter Sara bei einem Verkehrsunfall im Jahr 2014.

Wo spürst Du im Körper die Trauer? Wie fühlt sich Trauer bei Dir an? (ein Gefühl, eine Farbe, eine Empfindung)

Trauer kann definitiv alle Sinne erfassen. Am Tag nach unserem Unfall, der zu Saras Tod geführt hat, wurde es Herbst. Buchstäblich. Ich erinnere mich noch, wie sich die Witterung angefühlt hat, der Wind, die Gerüche auf der Intensivstation. Diese Sinneseindrücke haben sich mit dem Schmerz verbunden und bringen ihn mir sofort wieder in Erinnerung, wenn ich ihnen in ähnlicher Weise wieder begegne.

Man sagt ja manchmal: „das ist so schön, dass es schmerzt“. Nun, für mich gibt es keine Schönheit mehr, bei der ich nicht auch Schmerz fühle. Die farbenfrohste Sommer-Landschaft, durch die ich laufen kann, die schönste Musik, die ich mit allen Sinnen aufnehmen kann, das weiteste Meer, das ich riechen und befahren kann. Alles weckt unweigerlich diese unerschöpfliche, unerfüllte Sehnsucht in mir nach dem Ort, wo Sara jetzt schon leben darf. Und ich noch nicht. Nach diesem Ort, an dem der Mensch die ihm anvertraute Schönheit nicht zerstört, sondern im Einklang mit seinem Schöpfer lebt. Wo das letzte Kapitel von Leid und Verlust, Krankheit und Tod zugeschlagen ist.

Die Trauer schreit mich manchmal an, dann ist sie wieder wie die Dementoren bei Harry Potter, die einem die Lebensenergie aussaugen. Manchmal ist sie wie das dumpfe Grummeln eines kommenden Gewitters, dass dann doch weiterzieht, bevor es mich erreicht.

Welche Reaktion/Tat/Handlung eines anderen Menschen hat Dir geholfen/ gut getan? 

Ich bin fest davon überzeugt: Wenn man in tiefer Trauer ist, braucht man nicht in erster Linie Worte, sondern Berührung! Mir haben diese wortlosen Umarmungen gutgetan; die Möglichkeit, sich in den Armen eines Freundes oder einer Freundin ausweinen zu können, bis die Tränen versiegen! Zur Freundschaft gehört auch dazu, mit zu trauern und selbst Tränen zu vergießen. Unsere Worte wie Mit-Gefühl oder Mit-Leid bringen zum Ausdruck, was Hiobs Freunde schon taten, ehe sie noch sein Haus erreicht hatten. Sie machten sich einen Teil von Hiobs Schmerz zu Eigen. Sie brachen in Tränen aus und brachten ihre Erschütterung auf eine Art und Weise zum Ausdruck, die in ihrem Kulturkreis in jener Zeit üblich und angemessen war: durch das Zerreißen ihrer Kleidung! Je größer der Schmerz ist, desto weniger Worte sind nötig. Warum? Weil sie in dem Moment kaum trösten, oft aber als banal empfunden werden.

Ich weiß nicht, wie oft ich in den ersten Tagen und Wochen den Satz gehört oder gelesen habe: „Wenn ich irgendetwas für dich tun kann, dann lass es mich nur wissen.“ So gut gemeint dieser Satz ist, hat er uns doch schlicht überfordert. Am Anfang fühlten sich unsere Herzen nämlich in vieler Hinsicht so dumpf, gelähmt und benommen an, dass wir gar nicht hätten artikulieren können, was uns gerade gut tat. Das Leben schien an uns wie in Zeitlupe vorbeizuziehen; gleichzeitig waren wir oft schon von wenigen Tätigkeiten erschöpft. In dieser Phase haben uns ganz konkrete Angebote geholfen: „Ich würde diese Woche gerne für Dich kochen: soll ich am Donnerstag oder lieber am Freitag Essen vorbeibringen?“. Und auch, wenn der Kochtopf dann an die Tür gehängt wurde und der oder die Überbringer*in dann nicht noch wissen wollte, wie es uns gerade geht, als ich nicht einmal absehen konnte, ob es uns jemals wieder gut geht …

In der ersten Zeit nach unserer Rückkehr haben uns Freunde und Nachbarn tatsächlich immer wieder Töpfe mit Selbstgekochtem und – gemachtem und kleine Aufmunterungen an die Tür gehängt oder davor gestellt. Da sie nicht wussten, ob ihr Besuch gerade willkommen oder eine Überforderung war, sind sie oft ohne zu klingeln wieder gegangen, aber diese kleinen Zeichen der Liebe und des Mittragens haben uns jedes Mal ermutigt. Andere haben angeboten, für uns einkaufen zu gehen. Eine Nachbarsfamilie hat den gesamten ersten Winter lang bei Eis und Schnee unsere Gehwege geräumt und im nächsten Frühjahr unsere Hecke geschnitten! Es gab aber auch Sonntage, wo sich mehrere unangekündigte Besucher die Klinke in die Hand gaben, bis wir regelrecht erschöpft waren, weil wir keine Kraft mehr hatten, um unsere Situation in immer neue Worte zu fassen. Aber selbst in diesen Momenten habe ich die Geste des „Hingehens“ immer geschätzt. Man lernt in solchen Zeiten seine verlässlichsten Freunde und engagiertesten Nachbarn kennen.

Was ist Deine größte Erkenntnis wenn es um Trauer geht?

Menschen trauern selbst in der engsten Familie ganz unterschiedlich. Während der eine unbedingt über das Gefühl des Verlusts reden muss und auch über den Menschen, den er so abgrundtief vermisst, hat der andere eher das Bedürfnis, diese Empfindungen mit sich allein auszumachen. Diese unterschiedliche Art zu trauern sagt nichts darüber aus, wie sehr uns unser persönlicher Verlust getroffen hat. Es ist einfach nur eine andere Art, ihn zu verarbeiten und zu zeigen. Und diese Verarbeitung verläuft zu allem Überfluss häufig auch noch antizyklisch. Während der eine vielleicht gerade ziemlich gefasst ist, zerfließt der andere – und umgekehrt. Während ich den starken inneren Drang verspürte, mir meine Not von der Seele zu reden und viele Freunde zu sehen, war Anjas Mitteilungsbedürfnis erheblich reduzierter.

Durch eine fast 2 Jahre andauernde Gesprächsreihe mit einem Traumatherapeuten begann ich zu verstehen, dass es in fast jeder Konstellation von Trauernden einen Flüchter und einen Bewahrer gibt. Einen, der am liebsten die Flucht nach vorne antreten und sein jetziges Leben hinter sich lassen will, weil nichts mehr so ist, wie es einmal war. Während der andere alles daran setzt, auf den Ruinen des eigenen Leides das vorhandene Beziehungshaus neu aufzubauen.

Mir wurde bewusst, dass der eine trauernde Partner seinen Beruf ausübt, um einen verlustfreien Raum zu betreten, der nicht so stark mit den Erinnerungen an den Verlust gefüllt ist. Dass meine Frau sich also gerade ganz bewusst „Sara-freie Räume“ schaffen musste, um mit der Ohnmacht, Verzweiflung und Wut klarzukommen, die der Verlust ihrer Tochter ausgelöst hatte. Räume, die nicht mit Erinnerungen an Sara gefüllt waren. Während ich als Musiker unseren Verlust mit auf die Bühne nahm, in meine Lieder, in meine Musikproduktionen.

Damit eine Ehe einen solchen Verlust überleben kann, muss ich irgendwann akzeptieren, dass der Partner oder die Partnerin anders mit dem Verlust umgeht und das nicht nur okay, sondern nötig ist. Keiner trauert gleich. Keiner ist zum selben Zeitpunkt mit der Trauer fertig, wenn es sowas überhaupt gibt – in unserem Fall sicher nicht. Denn der Verlust unserer Trauer ist wie eine Amputation – die Lücke bleibt.

Was kann man gar nicht brauchen, wenn man trauert? 

Als Trauernder reagiert man auf Banalität und phrasenhaften Formulierungen allergisch. Die Seele ist so wund, dass die Worte des Trostes, die weitergereichten Bibeltexte oder die geschriebenen Karten oder E-Mails vielschichtig und behutsam sein müssen, um nicht mehr zu verletzen als zu trösten. Es tut gut, wenn sie hoffnungsvoll und feinsinnig sind; wenn sie nicht oberflächlich oder gedankenlos daherkommen. Wenn sie bemüht sind, die Nuancen der Gefühlswelt nach einem so empfindlichen Verlust erfassen. Denn tiefe Trauer und aufrichtiger Glaube müssen gleichberechtigt nebeneinander stehen dürfen, weil sie zwei Seiten einer Medaille sind, die man nicht gegeneinander ausspielen kann, ohne weltfremd zu werden.

 

Was hat Dich getröstet? 

Mich hat die Freundschaft zu den liebsten Menschen in meinem Leben getröstet. Körperliche Nähe, auch Sex, wo unsere Ehe das in den Jahren nach dem Verlust zugelassen hat. Zu spüren, dass ich noch am Leben bin. Viel zu lachen, auch mal albern sein zu können und nicht in jeder Minute tiefschürfende Gedanken zu bewegen – die kommen automatisch wieder. Wie Sting in einem seiner Lieder sagt: „You can be all four seasons in a day.“ Das Lachen und Weinen nebeneinander stehen kann. Und natürlich die ewige Hoffnung, die ich im Herzen trage. Mir ist mir gerade in den Zeiten meiner größten Zerbrechlichkeit bewusst geworden, dass mir niemand meine Hoffnung auf die Ewigkeit rauben kann, weil sie unverrückbar zu meiner Bestimmung gehört. Ganz egal, ob Gott, der Teufel oder das Schicksal mir Sara genommen hat. Als liebender Schöpfer sind Gottes Schultern breit genug, um eine Menge Klage von mir abfangen zu können, auch wenn meine Klage nicht die richtige Adresse trifft. Und auch wenn ich nicht weiß, welche Verluste noch auf meinem Weg liegen werden und ich für meine Verlässlichkeit nicht die Hand ins Feuer legen kann, trage ich doch dieses Urvertrauen in mir, dass Gott verlässlich ist.

Ich werde den Abend im Februar 2015 nie vergessen, als ich mit einer Gitarre in meinem Arbeitszimmer saß und versuchte, diese Hoffnung in Worte zu fassen. Daraus entstand das erste Lied nach Saras Tod:

Wenn alles gesagt ist

Wenn alles gesagt ist, die Arbeit vertagt ist

Der Abend zum Ende sich neigt

Wenn Worte versiegen, dann kommt zum Erliegen

Die drängende Rastlosigkeit

Dann halte ich inne, verschließe die Sinne

Für das Pulsieren der Zeit

Und such Deine Nähe, die ich nicht verstehe

Das Raunen der Ewigkeit

Wenn alles gesagt ist, durchdacht und gefragt ist

Dann find ich ins Auge des Sturms

Mal muss ich mich schleppen, dann eil ich die Treppen

Hinauf zu der Spitze des Turms

Ich ahne die Wahrheit und atme die Klarheit

Die Deinen Himmel durchweht

Ich will hier verweilen und schreib ein paar Zeilen

Woraus meine Hoffnung besteht

Denn Du bist, der Du bist

Und Du tust, was Du sagst

Und in Deinem Licht seh ich das Licht

Ich kann mein Vertrauen doch nur auf das bauen

Was hinter dem Horizont liegt

Was dort schon geschieht, doch meine Auge nicht sieht

Ist was mich in Sicherheit wiegt

Das Ziel meiner Träume, es öffnet mir Räume

Für Farbe und Wärme und Klang

Es füllt meine Sinne, halt ich jetzt nur inne

Und folg diesem inneren Drang

Den kindlichen Glauben kann mir niemand rauben

Er trägt auch im dunkelsten Tal

Dies innere Wissen will ich nicht mehr missen

Erscheint es auch irrational

Dies innere Sehnen, mich an Dich zu lehnen

Ist tief in mein Herz eingebrannt

Am Ziel meiner Reise, ganz friedlich und leise

Hinüber zu gehen in Dein Land

Denn Du bist, der Du bist

Und Du tust, was Du sagst

Und in Deinem Licht seh ich das Licht