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Weihnachten einmal etwas anders (von Michael Hermann)
Er hat sich bei mir zur Supervision angemeldet. Von einem Weihnachtsfest der besonderen Art hat er am Telefon geredet. Ein ganz persönliches Gespräch darüber will er mit mir führen. All seine Gedanken möchte er bei mir auf die Reihe bringen. Und nun sitzt er mit gegenüber. Lange schaut er mich an. Ich merke, dass seine Gedanken ihn aufwühlen, ihn nicht loslassen. Noch ringt er um die richtigen Worte.
„Ich … ich wollte … also, ich möchte da heute was mit dir reflektieren. Ich … ich muss nur noch … Also gut, die Sache war so …“ Und dann bricht es aus ihm heraus und er hört für eine lange Zeit nicht mehr auf zu erzählen. Er ist Erzieher in einem Haus für Jugendliche, die alle schon ein gerüttelt Maß an Strafen hinter sich gebracht haben. Die nächste Station ist der Jugendknast oder die Psychiatrie. „Das ganze ging damit los, dass am Tag unserer Weihnachtsfeier eine ganz miese Stimmung in der Gruppe herrschte. Irgendwie war von Anfang an der Teufel drin. Erst wollte keiner aufstehen und dann beim Frühstück haben sich alle nur angemotzt. Weißt du, es war der letzte Tag vor Weihnachten, an dem die Gruppe zusammen war. Sie gingen noch einmal zur Arbeit. Am Abend dann feierten wir zusammen Weihnachten. Dann ging’s ins Bett und am nächsten Tag fuhren alle heim. Fast alle … ein paar bleiben immer da. Das sind dann halt die, die niemand zu Hause haben will, oder die gar keine Eltern oder Verwandten mehr haben. – Ich hatte ja gedacht, dass die Arbeit sie etwas locker machen würde und dass sie dann am Abend besser drauf sind. Aber da war nichts zu machen. Die Stimmung war eher noch schlechter als am Morgen. Naja, und als es dann zur Feier ging, war mir, als säße ich in einem Pulverfass. Bereits beim Abendessen musste ich ein paar Mal dazwischengehen, sonst hätten sich die Ersten schon geklopft. Und dann bei der Feier: Wir hatten alles recht nett hergerichtet. Die Geschenke waren von meiner Kollegin wirklich schön gestaltet worden … es hätte alles so gut gepasst. Aber nix da … Zwei, drei Worte, und schon befanden sich unsere Jungs mitten in einer Schlägerei. Stühle flogen, Geschirr ging zu Bruch, und im Nu war jeder auf den anderen böse. Ich …wir mussten sogar Hilfe aus den Nachbargruppen holen. Du musst wissen, das sind Kerle, die alle Sport machen. Wenn die hinlangen, dann musst du wirklich achtgeben. Nach ungefähr einer knappen Viertelstunde war dann wenigstens so weit Ruhe hergestellt, dass sie zumindest aufgehört hatten, sich zu verprügeln. Aber es sah zum Heulen aus. Einige bluteten, zwei sogar heftig. Und der Raum sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Die Weihnachtsfeier war gelaufen. Keiner wollte noch irgendetwas in dieser Richtung sagen oder hören. Wir machten doppelte Nachtwache. An Schlafen war nicht zu denken. Am nächsten Tag waren die Verabschiedungen nur kurz. Die, die im Haus blieben, ließen sich erst gar nicht sehen. Vor allem jener, der alles angezettelt hatte. Und ausgerechnet von ihm war ich der Vertrauenserzieher – du weißt schon, der, der ein besonderes Erziehungsverhältnis zu ihm aufbauen soll. Glaub mir, mir graute vor den nächsten Tagen mit ihm. Denn mit ihm, drei weiteren Jungen und noch zwei Erziehern sollte ich die nächsten Tage und die Zeit über Silvester im Gebirge verbringen. Ich hatte die Schnauze übervoll und hätte ihm am liebsten einen Tritt in den Arsch gegeben. Naja, aber so ist das halt in der Erziehungsarbeit. Du kannst dir deine Leute nicht aussuchen. Die Fahrt ins Gebirge und die nächsten Tage verliefen zu meiner Überraschung recht ruhig. Er rauchte seine Zigaretten, aß wenig und war ansonsten für nichts zugänglich. War mir auch recht. Ich wollte ja auch nichts mit ihm zu tun haben. Und dann kam Silvester. Nach dem Frühstück fragte ich, ob er mit rausgehen wolle, zu einer Wanderung auf den Hausberg. Zu meiner Verwunderung sagte er „ja“ und wir gingen los. Es war einer jener herrlichen Wintertage, an denen die Luft glasklar und die Aussicht schier unendlich ist. Nach knapp zwei Stunden durch mäßig hohen Schnee waren wir auf dem leicht zu erreichenden Gipfel. Ich muss dir sagen, die Aussicht nahm uns schier den Atem. Fasziniert und gebannt standen wir da. Alles schien zum Greifen nahe. Die Bergketten der Dreitausender, die Täler mit ihren Städten und Dörfern. Die Straßen, die Bahnlinien. Wir breiteten unsere Windjacken auf dem Boden aus, ließen uns nieder, hielten die verschwitzten Rücken der Sonne entgegen und staunten ganz einfach über die Schönheit, die uns umgab … Erst nach vielleicht einer Viertelstunde fiel mir auf, dass wir noch nicht ein einziges Wort geredet hatten – seit dem Frühstück im Haus. Mein erster Satz war dann die Frage, ob er was trinken und essen wolle. ‚Hm, ja’, meinte er, ‚eigentlich schon …’ Jeder von uns aß dann still und ergriffen sein Brot. Langsam leerte sich die Thermosflasche … Dann rauchte er seine Zigarette und auf einmal meinte er: ‚Wenn das meine Mama – meine Mutter sehen könnte …’ Ich war erstaunt: ‚Wieso, geht sie nicht gerne auf die Berge?’ Er: Doch schon. Aber zurzeit nicht – verdammt noch mal …’ Ich schaute ganz verduzt: ‚Das versteh ich nicht, was ist denn mit ihr?’ Und dann brach es aus ihm heraus. Es war, als wenn ein lange aufgestauter Fluss plötzlich befreit wird. Und er erzählte: ‚Weißt du, im Sommer, da waren wir beide im Urlaub. Es war alles so klasse. Der, mit dem sie bis dahin zusammen war, mit dem hat sie kurz vorher Schluss gemacht – endlich. Und dann ist sie mit mir in Urlaub gefahren. Also, so gut wie in dieser Zeit hatte ich mich seit langem nicht mehr mit ihr verstanden. Und am Ende der Ferien hat sie mir in die Hand hinein versprochen, dass wir im Winter Schifahren gehen, in den Bergen, und dass ich dann wieder bei ihr sein darf. Und dass dann alles wieder so sein wird wie im Sommer. Aber wie das so ist: Im Herbst hat sie den neuen Lover kennengelernt. Schon am ersten Wochenende, wo ich zu Hause war, hat der mit mir Stunk gebaut. Der ist so ein Arsch, sag ich dir, also, wie sie auf so einen kommt, ich kann’s nicht glauben – so uncool. Naja, und dann, am zweiten Advent ist der Brief von ihr gekommen, dass ich doch an Weihnachten nicht kommen solle, der Neue könne mit mir nichts anfangen, und sie müsse doch auch mal auf sich schauen und ich würde doch hier vom Haus aus auch in die Berge fahren können… Und es sei doch auch viel besser, wenn ich Weihnachten hier feiern würde. Alles wäre doch viel friedlicher und besser geregelt und so. Kannst du dir vorstellen, wie sehr mir diese Weihnachtsfeier heuer am Arsch vorbeigegangen ist? Das Schönste war für mich die Schlägerei. Von Anfang an hab ich gewusst, dass es an dem Abend knallt. Ich konnte einfach nichts hören vom Frieden auf Erden und all dem Gesülze …’
Betroffen schwieg ich. Das hatte ich natürlich nicht gewusst. Vielleicht war es die Schönheit der Berge, das gemeinsame Wandern oder alles zusammen. Auf jeden Fall kamen wir ins Gespräch. Das erste Mal überhaupt. Er begann darüber zu reden, dass er Angst habe, selbst einmal so zu werden wie einer jener Männer seiner Mutter. Männer, die nur kurz da waren, um spätestens nach einem halben Jahr wieder abgeschoben zu werden oder selbst abzuhauen. Dass er nicht wie sein Vater werden wolle, der einer Frau ein Kind mache und sich dann verdrücke … Ich weiß nicht, ob es richtig war, aber ich sprach dann von meiner Trauer, dass meine Frau und ich uns so sehr ein Kind wünschen, aber selbst keines bekommen könnten. Betroffen schauten wir uns das erste Mal überhaupt in die Augen. Er, der Angst hat, ein Vater zu werden, und ich, der kein Vater werden kann, obwohl ich das gerne wäre …
Würde er meine Offenheit beim nächsten Streit missbrauchen und mich ‚impotente Sau’ nennen? Womöglich vor der ganzen Gruppe? Und ich spürte seine Angst davor, dass ich ihn womöglich einen Schwächling nennen würde, weil er von seiner Angst geredet hatte, ein Mann, ein Vater zu werden – und von der Enttäuschung, die seine Mutter ihm bereitet hatte … Schweigend saßen wir da, wohl wissend, dass wir uns einander viel zugemutet hatten … Er zündete sich eine neue Zigarette an und er erzählte weiter. ‚Weihnachten’, begann er zögernd, das hat doch was mit Glauben und mit Gott zu tun. Mit diesem Vater da oben …? Kannst du dir vorstellen, dass ich mit dem nichts, aber auch gar nichts zu tun haben möchte? Väter, das sind doch Verräter – oder?’
Ich muss sagen, dass ich lange nach den richtigen Worten gerungen habe. Er sog regelrecht meine Worte in sich auf – meine guten Erfahrungen mit meinem Vater und mit Gott. Er wollte keine theologische Auslegung hören, er wollte etwas von mir, von mir ganz persönlich, hören, von meinen Sorgen, Ängsten und Hoffnungen, von Mann zu Mann – von einem Mann, den man anfassen kann …
Langsam neigte sich die Sonne der Hügelkette im Westen zu und ein kalter Wind begann zu wehen. Schweigend brachen wir auf und schweigend gingen wir bis zum Haus.
Vor der Haustür, bevor wir hineingingen, drehte er sich noch mal um und meinte: „Danke, war echt geil heute …“

WEIHNACHTSGESCHENKAKTION

CD: CHRISTMAS PIANO und BUCH: IM DUNKEL SCHEINT DEIN LICHT – Wahre Weihnachtsgeschichten