EINE NEUE CHANCE FÜR FRAUEN

Interview mit Anke Luckja von Opportunity International Deutschland

Liebe Anke,

herzlichen Dank, dass Du Dir Zeit nimmst uns ein paar Fragen zu beantworten! Erzähl uns bitte einmal kurz von Deiner Arbeit bei Opportunity International!

Opportunity International ist eine gemeinnützige Stiftung, die 1996 von dem christlichen Unternehmer Karl Schock in Schorndorf gegründet wurde. Karl Schock war es wichtig, das unternehmerische Potential armer Menschen zu heben. Als Unternehmer war ihm bewusst, dass man für den Ausbau von Unternehmen Kapital braucht, arme Menschen in Entwicklungsländern jedoch für normale Banken häufig nicht kreditwürdig sind.

Als Karl damals in Afrika und Asien gesehen hat, was insbesondere Frauen mit Mikrokrediten erreichen können, wollte er mit seiner Stiftung diese Wirkung vergrößern. Für ihn waren Mikrokredite – in Verbindung mit Schulungen – ein wichtiger Schlüssel für den Weg aus der Armut.

Bei unserem Ansatz der Armutsbekämpfung zitieren wir immer wieder gerne Konfuzius: „Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.“

Opportunity International möchte in Armut lebenden Menschen eine Chance geben, ihr Leben und die Zukunft ihrer Kinder durch unternehmerische Aktivitäten selbst in die Hand zu nehmen und zu verändern – und das in Würde und nicht mit Almosen.

Ich bin ja schon seit einigen Jahren von Eurer Arbeit begeistert und so haben wir auch ein gemeinsames Projekt laufen (Infos unter www.andi-weiss.de/zwanzig). Was hat es mit den Gesundheitsberaterinnen auf sich?

Unsere Gesundheitsberaterinnen in den indischen Bundesstaaten Uttar Pradesh und Bihar sind etwas ganz Besonderes. Die Frauen sind Mikrofinanzklientinnen und damit Kleinunternehmerinnen. Sie alle haben Mikrokredite von unseren Partnerorganisationen bekommen, damit sie ihre kleinen Familienunternehmen ausbauen können. Die Frauen betreiben Marktstände, Schneidereien oder haben sich mit dem Kapital Nutzvieh gekauft und verkaufen Milch und Eier.

Aber Armut ist komplex und hat nicht nur mit fehlenden finanziellen Ressourcen, sondern auch mit fehlendem Wissen und mangelnder Infrastruktur zu tun. So ist z.B. die Gesundheitsversorgung in den meisten Dörfern im Norden Indiens sehr prekär. Das  Hygiene- und Gesundheitsbewusstsein vieler Menschen ist unzureichend und begünstigt das Auftreten von potentiell lebensbedrohlichen, aber eigentlich vermeidbaren Krankheiten, wie z.B. Durchfall. Krankheiten sind nicht nur lebens-, sondern auch existenzbedrohend. Arme Familien, die einen Krankheitsfall in der Familie haben, sind meist gezwungen, Geld für die ärztliche Behandlung bei einem Geldverleiher aufzunehmen und bleiben dadurch in der Armutsspirale gefangen.

Unsere indischen Partnerorganisationen haben dieses Problem erkannt und sich mit einer Gesundheitsorganisation zusammengetan, um diese Problematik zu adressieren. Das Besondere ist, dass viele unserer Mikrofinanzklientinnen, die sich zu Kleinunternehmerinnen entwickelt haben, gerne der Gemeinschaft etwas zurückgeben möchten. Und so kam es, dass geeignete Klientinnen zu Gemeindegesundheitsberaterinnen ausgebildet werden und ihr Wissen über Hygiene und Krankheitsprävention an die Menschen in ihren Dörfern weitergeben.  Es sind (für uns) einfache Dinge, wie z.B. das Händewaschen nach dem Toilettengang, die zu einer Verringerung der Krankheitsraten in den Dörfern führen. Außerdem helfen die Gesundheitsberaterinnen den Dorfbewohnern bei der Beantragung von staatlichen Subventionen und Mikrokrediten für den Toilettenbau. Mit dem Bau von Toiletten wird nicht nur die Hygienesituation maßgeblich verbessert, sondern auch für die Sicherheit von Mädchen und Frauen gesorgt. Viele Frauen und Mädchen gehen nur im Dunklen aufs Feld um sich zu erleichtern, um sich vor Übergriffen zu schützen. So trinken sie bewusst wenig am Tag, damit sie nicht aufs Feld müssen. Das wiederum führt zu Harnwegserkrankungen und Infektionen.

Gerade warst Du ja auf großer Reise und hast Dir das Projekt angeschaut. Mit welchen Eindrücken kamst Du zurück? 

Was mich auf meinem letzten Projektbesuch besonders beeindruckt hat, war das gestiegene Selbstbewusstsein der Gesundheitsberaterinnen. Unsere Partner haben für die Ausbildung ja Frauen ausgewählt, die weniger Probleme hatten, vor einer Gruppe zu sprechen und die auch die Erlaubnis ihrer Männer haben, eine solche Ausbildung zu machen. Aber trotzdem hatten alle Frauen anfangs damit zu kämpfen, bei ihren Schulungen von den  Dorfbewohnern Schulungen ernstgenommen zu werden. Besonders Männer sind da leider häufig etwas beratungsresistent.

Als ich die Frauen im letzten Jahr besucht hatte, war ihr Engagement schon sehr beeindruckend. Aber in diesem Jahr hat man ihre persönliche Entwicklung noch mehr gesehen. Sie standen selbstbewusst vor einer Gruppe von Frauen und Kindern und haben diesen eindrücklich klar gemacht, wie sie sich gesund ernähren können, warum man sich die Hände waschen sollte, wie Toiletten und Hygienebinden Krankheiten reduzieren und was man bei Schlangen- oder Skorpionbissen tun muss.

Die Gesundheitsberaterinnen erzählten stolz, dass die Dorfbewohner sie nun mit ihrem Namen anreden und sie nicht mehr nur als „die Frau von XY“ angesehen werden. Ihre Worte werden ernst genommen und das sowohl von Frauen als auch von den männlichen Dorfbewohnern. Viele Frauen haben sogar inzwischen ihren Schleier abgenommen und verhüllen sich nicht mehr.

Ein wirklich beeindruckendes Beispiel war Seema Bharati, eine Gesundheitsberaterin in Uttar Pradesh. Seema hatte während ihrer Ausbildung viel über Krankheitsprävention gelernt, vor allem über die durch Wasser übertragbaren Krankheiten. Noch vor einem Jahr gab es in ihrer Gemeinde nur wenige Toiletten. Als sie während der Ausbildung von den staatlichen Subventionen für den Bau von Toiletten hörte, ging sie zu dem Dorfvorsteher und bat ihn, ihr bei der Beantragung der Mittel zu helfen. Doch der Mann warf sie aus ihrem Büro. So ging sie zum Bezirksvorsteher, doch auch dieser ignorierte sie. Bis sie auf die Idee kam und die Frauen in ihrem Dorf mobilisierte. Sie campierten zwei Tage vor dem Haus des Bezirksvorstehers, bis dieser es leid war und den Frauen half. Heute haben alle Familien im Dorf eine Toilette und die Krankheitsrate ist erheblich zurückgegangen.

Mich haben das Engagement und die Stärke dieser Frau sehr beeindruckt. Diese Frau hat noch vor einem Jahr ihr Haus nur verschleiert und in Begleitung ihres Mannes verlassen und heute hat sie den Mut und die Stärke etwas zu ändern.

Gesundheit“ ist ja eigentlich nicht das eigentliche Thema von Opportunity, sondern ihr kommt ja von der Seite der „Kleinkredite“ für Kleinunternehmerinnen und Kleinbäuerinnen….

Wie gesagt, Opportunity setzt auf das Unternehmertum von Frauen. Doch wir haben gesehen, dass das unternehmerische Engagement nicht bei jeder einzelnen Frau aufhört, sondern die Frauen auch an das Gemeinwohl denken. Sieht eine Frau, dass sie mit einem Mikrokredit ihr kleines Unternehmen ausbauen kann, steigt nicht nur ihr Einkommen, sondern auch ihr Selbstbewusstsein. Lernt sie daneben auch noch über Gesundheit, Bildung und Ernährung, gibt sie dieses Wissen gerne an ihre Familie und Freunde weiter. Wir nutzen die persönliche Veränderung der Frauen, um auch andere Themen wie z.B. Gesundheitsaspekte zu adressieren und eine Hebelwirkung zu erreichen. Wenn Frauen sehen, dass sie stark sind und in der Lage, etwas zu bewegen, dann sind sie nicht mehr aufzuhalten.

Warum bekommen eigentlich nur Frauen die Kredite?

95 Prozent unserer Klienten sind Frauen.  Frauen haben häufig keinen Zugang zu Kapital. Frauen sind auch realistischer, wenn es um den Kapitalbedarf und ihre Geschäftspläne geht. Kredite von Frauen liegen bei durchschnittlich 200 Euro. Damit können sie schon einiges verändern. Für kommerzielle Banken sind diese Kredite aber viel zu niedrig und zu aufwendig, wenn man dann noch von der mangelnden finanziellen Sicherheit absieht. Für uns aber sind Frauen wunderbare Unternehmerinnen, die nicht in erster Linie an materielle Güter denken, sondern zunächst an ihre Kinder. Frauen investieren mehr Geld in die Ausbildung und die Ernährung ihrer Kinder – als Männer es vergleichsweise tun. Wir diskriminieren aber trotzdem keine Männer. :) Wenn Männer sich um Kredite bewerben, liegen diese Beträge häufig bei mehreren tausend Euro. Sie haben entweder schon größere Unternehmen und/ oder auch größere Träume.

Letztlich hängt es immer von den Unternehmensformen ab. In der Landwirtschaft haben wir zum Beispiel etwa 60 Prozent männliche Kleinbauern und nur 40 Prozent Kleinbäuerinnen. Da haben Männer fast immer die Nase vorn, da ihnen das Land gehört oder sie besser vernetzt sind. Im Bereich der Landwirtschaft müssen wir noch mehr versuchen, die Frauen zu fördern. Aber da sind wir auf einem guten Weg.

 

 Unter welchen Voraussetzungen gibt es diese Kredite?

 Sowohl Frauen als auch Männer müssen Erfahrung in ihrer Tätigkeit mitbringen. Das heißt, eine Frau, die als Bäuerin gearbeitet hat und nun gerne eine Bäckerei eröffnen möchte, aber nicht weiß, wie man ein Brot backt, bekommt auch bei uns keinen Kredit.

Ansonsten bekommt fast jede Frau und jeder Mann mit einem kleinen – und sei es auch noch so winzigen –  Handel oder einer Tätigkeit – einen Kredit und die notwendigen Schulungen. Für uns ist Kapital ohne Wissen nur die Hälfte wert und so sind alle unsere Kredite auch mit passenden Schulungen (z.B. einfache Buchhaltung, Cashflow, Spareinlagen, aber auch Gesundheitsschulungen und HIV/AIDS-Prävention) verbunden.

Was wünschst Du Dir dieses Jahr zu Weinachten?

Das ist eine Frage, die meine Mutter immer zur Verzweiflung treibt, denn ich habe keine materiellen Wünsche. Aber mir kann man mit guten Büchern immer eine Freude machen. Ich wünsche mir derzeit eher, dass Frieden auf dieser Erde einkehrt und dass die Menschen sich wieder auf die christlichen Werte besinnen; Gerechtigkeit, Gleichheit, Liebe und Glauben. Mir macht die politische Entwicklung auch in unserem Land große Angst. Warum nur haben wir so große Angst vor „dem anderen“? Warum sehen wir uns nicht alle als gleichberechtigt an? Niemand ist besser oder schlechter als der andere, egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder Religion. Ich wünsche mir, dass wir alle die Vielfältigkeit als etwas Positives sehen können und wir von jeder Kultur etwas Gutes lernen.

Weihnachten ist auch wieder eine gute Möglichkeit „es allen recht machen zu wollen“ … wie gehst Du damit um? 

Das ist immer ein schwieriges Unterfangen. Wann macht man es nur den anderen recht und wann ist man egoistisch. Ich versuche diesen Spagat jeden Tag. Manchmal gelingt es mir „bei mir zu bleiben“ und manchmal stoße ich andere vor den Kopf. Aber ich übe weiter…. Wichtig ist, dass man sich selbst wertschätzt. Wenn man sich selbst öfter wie eine gute Freundin behandeln würde, käme man der Sache wahrscheinlich näher.

Was ist das Wichtigste was Du als Frau einer Frau raten würdest … 

Ich würde jeder Frau raten, sich selbst mehr zuzutrauen und zu zeigen, was sie kann. Frauen sind unglaublich stark, aber die meisten von uns wissen gar nicht WIE stark. Wir sollten darum nicht gegeneinander kämpfen, sondern uns gegenseitig unterstützen. Nur gemeinsam können wir viel erreichen. Das hat auch Seema Bharati eindrucksvoll in ihrem indischen Dorf bewiesen. Hättest Du Seema vor einem Jahr gesagt, dass sie mal die komplette Gemeinde mit Toiletten versorgen würde, hätte sie wahrscheinlich ganz leise gelacht.

Anke Luckja, Jahrgang 1969, Opportunity International, www.oid.org

Schon seit vielen Jahren liebe ich es, neben meinen Konzertreisen, Menschen in der herausfordernden Vielfalt des Lebens zu begleiten. Vor einigen Jahren habe ich die Ausbildung zum Logotherapeuten gemacht. Mich bewegen die Gedanken der Logotherapie die der österreichischen Psychotherapeut Victor Frankl entwickelt hat: Ein Mensch kann sein Leid aufrecht ertragen, es „heldenhaft“ meistern lernen und darin den Sinn seines Lebens entdecken. In der logotherapeutischen Beratung suchen wir gemeinsam Wege, mit Problemen verantwortungs-voll umzugehen, vorhandene Ressourcen und Stärken zu ergründen  aber auch Schwächen zu integrieren und Unveränderbares anzunehmen … somit ist die Logotherapie, Hilfe zur Selbsthilfe im besten Sinne!

Ich freue mich darauf, dich schon bald persönlich beraten zu dürfen!

Dein

ANDI WEISS 

Songpoesie & Sinncoaching