»Wer nie am Abgrund steht, dem wachsen keine Flügel«

INTERVIEW MIT LARS LANGENAU (Süddeutsche Zeitung)

Lieber Lars, herzlichen Dank, dass Du Dir Zeit nimmst um uns ein paar Fragen zu beantworten! Eigentlich ist ja Fragen stellen und nicht beantwortet ist Dein eigentlicher Beruf. Erzähl uns bitte einmal was Du beruflich machst und wie es dazu kam …

Nach einer langjährigen Leitungsposition bei der SZ wollte ich endlich wieder das machen, wozu ich einst Journalist geworden bin: rausgehen und schreiben! Bewusst wurde mir das nach einer privaten Krise, die in einer Scheidung mündete. Ich musste mich erst selbst wieder aus einem Loch kämpfen und habe die großartige Erfahrung gemacht, dass meine Gesprächspartner sich öffnen, wenn ich das auch mache und Verletzlichkeit zeige. Daraus entstand eine sehr erfolgreiche Protokoll-Serie namens „ÜberLeben“, für die ich mit Menschen gesprochen habe, die Schicksalsschläge erlitten haben. Inzwischen ist das auch ein Buch geworden.

 Was setzt Dich in Deinem Beruf und was privat unter Druck? Wie gehst Du damit um?

Beruflich habe ich auf das verzichtet, was so viele anstreben: Karriere. Für mich überraschend war, dass ich dieses ständige Streben besser als Andere zu sein gar nicht brauche, sondern Erfüllung in fast zeitlosen Gesprächen finde ich nachher verschriftliche. Lustigerweise hat sich diese berufliche Entspannung auch auf mein Privatleben ausgewirkt: Ich lasse die Dinge kommen, wie sie kommen. Über was lacht Gott? Über Planung! 

Gibt es auch „geschichten-lose“ Zeiten in Deinem Beruf? Wie gehst Du damit um?  

Klar, ich hatte vor ein paar Monaten eine Schreibblockade, fand alles dumm und nichtigm was ich zustande bekommen habe. Ich habe dann versucht über Strukturen wieder reinzukommen: Habe wieder Konferenzen besucht, die ich eine Zeilang völlig gemieden habe und da Austausch gesucht und habe mir TV-Kritiken als Themen gesucht, weil ich mich damit selbst unter Zeitdruck gesetzt habe und liefern musste.

In Deinem Buch„ÜberLeben – Verlust und Trauer begegnen und neue Kraft schöpfen“ (GU) (Hier geht es zur Leseprobe) erzählst Du nicht nur bewegende Geschichten, sondern auch was Menschen aus diesen Grenzerfahrungen gelernt haben. Was hast Du bei dieser Geschichtensuche für Dich selbst gelernt?

Dass wir Kraft zum Überleben und noch viel mehr: Kraft zum Leben nur in uns finden. Suchen wir das aber in einem Partner, Kindern oder sonst wem, dann wird es kritisch, weil die Verlusterfahrungen zu überwältigend sein können.

Gibt es auch solche Grenzerfahrungen in Deinem Leben? Wie bist Du damit umgegangen?

Die Lebenskrise kurz vor meinem 40 Geburtstag tauchte mein Leben über Monate in schwarz. Ich musste erst lernen, wieder Lebensmut zu fassen und auf eigenen Füßen zu stehen. Dabei geholfen hat mir ein Besuch bei den Mönchen von Athos. Auf diese griechische Halbinsel dürfen Nicht-Orthodoxe nur drei Tage, und man muss das Kloster täglich wechseln. Aber dieses zurückgeworfen sein nur auf sich selbst mit, im Nichts des Mittelmeeres und inmitten der uralten Klöster und der Liturgie hat mich zu vielem gezwungen: es hat mich nachdenken lassen über meinen bisherigen Weg und wie mein Leben weiterverlaufen soll. Diese Zeit der Ruhe, Stille, Kontemplation war wichtig, überlebenswichtig. 

Wie hast Du es gelernt es im Leben nicht immer allen recht zu machen? Was hat Dir dabei geholfen?

„Man hat sich bemüht“, soll auf dem Grabstein von Willy Brandt stehen, was nicht stimmt, aber eine zu schöne Geschichte ist. Man kann nicht mehr geben, als man selbst Kraft hat und seine Grenzen werden einem schon aufgezeigt. Außerdem ist es das Bewusstsein, dass jeder ersetzbar ist. Das hilft, sich nicht so wichtig (und ernst) zu nehmen. Ich bin nur einer von mehr als sieben Milliarden.

Was motiviert Dich an einem Tag an dem Du weißt, dass in Deinem Job ein Problem auf Dich wartet, trotzdem in die Arbeit zu gehen?

Es war und ist eine Stärke direkt darauf zuzugehen, Probleme direkt anzusprechen und Menschen nicht auszuweichen. Und wen man etwas nicht schafft, dann ist das auch kein Weltuntergang. Das hat man mit spätestens 45 Jahren gelernt.

Jetzt wird es spannend: Was ist das Wichtigste was Du als Mann einer Frau raten würdest Seit Euch selbst bewusst, umgeht Rollenklischees und sagt den Männern direkt Eure Meinung und was ihr denkt. Rein beziehungstechnisch sagte mir mal eine Nymphomanin in einem Interview: Wenn Du f… willst, dann musst Du das auch sagen. Eigentlich eine ganz drollige Aussage, die auf sehr viele Lebensbereiche zutrifft.

Herzlichen Dank für Deine Antworten! 

Lars Langenau, 48, geboren in Hannover, ausgebildeter Lehrer, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Nach Studium in Frankfurt am Main verschlug es ihn über Umwege (Frankfurter Rundschau, Spiegel, ddp, Bloomberg) zum Volontariat bei der SZ – und im Anschluss nach Hamburg. Nach drei Jahren im Politikressort von Spiegel Online kam er über einen Zwischenstopp im Bildungsministerium in Kiel Anfang 2007 wieder nach München. Bei der SZ acht Jahre Homepage-Chef und seit drei Jahren Redakteur mit Schwerpunkt auf sozialen und politischen Themen.

Ich liebe Geschichten! Wenn man die Geschichte eines Menschen betrachtet, versteht man warum ein Mensch so lebt wie er lebt, so spricht wie er spricht und so handelt wie er es in diesem Moment gerade macht. Seine eigene Geschichte verstehen zu lernen ist auch ein wichtiger Punkt in meinem Sinncoaching. Immer wieder erlebe ich wie heilsam es für Menschen ist, wenn sie ihrer Geschichte verstehen lernen.

Ich freue mich darauf, dich schon bald persönlich beraten zu dürfen!

Dein

ANDI WEISS 

Songpoesie & Sinncoaching